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23. Juli 2014

 Die Eine-Millionen-Dollar-Frage von Jakob Lescow (12d)

Er strich sich die schweißnassen Strähnen seines schwarzen Haares aus der Stirn. Der eiskalte Wind strich um seinen verschwitzten Körper und ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Es war wieder geschehen.

Er war über den Dächern der New Yorker Innenstadt erwacht. Nur im Unterhemd und mit einer Unterhose bekleidet war er im Schnee gelegen. Wie lange, das wusste er nicht. Es musste eine recht lange Zeit gewesen sein, immerhin war sein gesamter Körper so kalt wie Eis. Die Kälte versetzte im Stiche wie von tausend frostigen Messern und seine Haut und die Muskeln, die darunter deutlich hervortraten, kribbelten, denn sie erwachten langsam wieder. Trotzdem fühlte er sich taub. Stumpf. Tot. Er stand zitternd auf und sah sich nach der Feuerleiter um, die ihn vom Dach dieses ihm völlig fremden Gebäudes führen würde. Das Gelände der Treppe war von winzigen Eiskristallen überzogen, doch seine Hände waren selbst viel zu kalt, als dass er die Kälte eines Fremdkörpers hätte wahrnehmen können.
Als er am Boden angelangte, bemerkte er, wie sich die Sonne langsam hinter den Wolken hervorschob und die wärmende Morgenröte den Himmel erhellte. Es schien ein schöner Dezembertag zu werden.
Nur in Unterwäsche bekleidet, begab er sich auf den Weg nach Hause. Oder zumindest zu einem Ort, an dem er sich orientieren konnte. Sein spärliches Outfit zog seltsame Blicke von Unmengen an Menschen auf sich, obwohl es kaum später als 4 Uhr morgens sein konnte. Nun, New York war nicht umsonst bekannt als die Stadt, die niemals schlief, nicht wahr?
Als er endlich eine U-Bahn-Station fand, stellte er ärgerlich fest, dass er weder sein Portemonnaie, noch Geld bei sich hatte. Das hätte er schon früher bemerken sollen. Doch sein Gehirn schien ebenfalls eingefroren gewesen zu sein. Nun schien es langsam aufzutauen. Was ihn aber zu einigen unangenehmen Fragen kommen ließ. Was zur Hölle war mit ihm passiert? Mit seinen Klamotten? Mit seiner Geldbörse? War er vielleicht überfallen worden? Hatte einen kräftigen Schlag auf den Kopf abbekommen? Aber nein, sein Kopf tat ihm zwar weh, allerdings fühlte sich dieser Schmerz viel mehr nach einer Migräne an als von einer stumpfen Gewalteinwirkung. Okay, kein Raubüberfall. Doch was war dann geschehen? Je mehr er versuchte sich zu erinnern, desto dichter wurde dieser schwarze Nebel in seinem Kopf, der ihn schon seit seinem Erwachen auf dem Dach Gesellschaft leistete. Kein Durchdringen möglich.
Wieder blies der eisige Wind durch die Straßen und die Eiseskälte fuhr ihm in die Glieder. Erst einmal nach Hause. Dann weitersehen.
Doch ohne Geld und Orientierung würde sich dieses Vorhaben als außerordentlich schwierig gestalten. Trotzdem entschloss er sich den Versuch zu wagen und an die Menschlichkeit zu appellieren. Am Straßenrad stand eine Reihe von Taxis. Die ersten beiden schickten ihn verärgert weg. Schienen ihn wohl für obdachlosen Abschaum zu halten. Doch beim dritten Taxifahrer hatte er Glück. Der Mann war jung, etwa 25. Eindeutig südländisch. Vielleicht ein Iraner oder Araber. Türke? Vielleicht auch einfach ein Mexikaner, wer vermochte das schon nach einer Nacht im Freien bei minus acht Grad zu sagen? Der Taxi-Fahrer musterte ihn. Fragte, ob alles in Ordnung sei. Ob etwas passiert sei. Nun, das war wohl die Eine-Millionen-Dollar-Frage.

 

 

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