Zum Schulstart wagten die Schüler*innen der 10. und 12. Klassen bei ihrer Lehrerin Veronika Gäng einen besonderen literarischen Ausflug: Sie erhielten lediglich das Bild eines alten Koffers als Impuls – ohne weitere Vorgaben. Aus dieser offenen Anregung entstanden ganz unterschiedliche Kurzgeschichten, die Einblicke in Gedankenwelten, Stimmungen und kreative Fantasie boten. Besonders hervorzuheben ist dabei der Beitrag von Ronja Smock aus der Klasse 10a. Ihre Geschichte „Wohin ich geh“ verknüpft den Koffer als Symbol mit Fragen nach Identität, Schicksal und Selbstbestimmung.

Eindringlich und bildreich schildert sie, dass wir nicht entscheiden können, womit unsere „Lebenskoffer“ gefüllt werden – sehr wohl aber, wohin wir damit gehen. Wir freuen uns, diesen Text hier im Original abdrucken zu dürfen:

Wohin ich geh

Reißverschluss auf. Gott, riecht das Ding alt. Ich will gar nicht wissen, wie lange der schon auf dem Dachboden vor sich hin staubt. Aber eigentlich ist es mir auch egal. Eigentlich ist mir gerade alles egal. Ich bin ja auch allen egal. Na ja, der alte Kasten muss trotzdem gepackt werden. Ich wünschte, mein Leben wäre ein Koffer.

Ich wünschte, ich könnte selbst entscheiden, was da rein kommt. Ich wünschte, ich könnte mein Leben selber packen. Aber irgendwie funktioniert das so nicht. Wir kriegen am Anfang unseres Lebens Koffer, die wir nicht selbst gepackt haben. Manche dieser Koffer sind voll Gold, voller Liebe, voll heiler Familie, voller guter Noten und genug zu Essen. Andere nicht. Definitiv nicht. Andere kriegen ihre Koffer schon mit Rissen und Schrammen und Dellen in die Hand gedrückt; in anderen warten böse Überraschungen unter all den Flanellkissen und Lichterketten und der heilen Welt.

Mein Koffer ist so einer. Und deshalb gehe ich jetzt. Ich gehe und kann wenigstens entscheiden, was in diesen alten Reisekoffer kommt. Baseballschläger. Auf jeden Fall einen Baseballschläger, mit dem ich alles zertrümmern könnte, wenn ich wollte. Es ist immer gut, einen Baseballschläger dabei zu haben, falls alle Stricke reißen, falls ich nicht mehr kann. Dann kann ich wenigstens alles zerstören, was ich noch habe. Meine Ketten. Auch wenn mein Inneres gebrochen ist, auch wenn ich gebrochen bin, mein Körper ist noch heil, und er soll nicht nur heil sein, sondern auch schön. Außerdem bedeuten mir die Ketten was.

Weil sie einer Person etwas bedeutet haben, die mir etwas bedeutet hat. Ihr war ich nicht egal. Meine Etuis mit den Reiseutensilien. Reisepass, Flugticket und so weiter. Die packe ich auch rein. Und plötzlich verstehe ich es. Ich verstehe es einfach. Niemand von uns kann entscheiden, was zu Beginn in unsere Koffer des Lebens gepackt wurde. Niemand kann sich das aussuchen. Aber das Entscheidende ist nicht, was in unseren Koffern ist, sondern wohin wir damit gehen. Wir können uns nicht aussuchen, woher wir kommen, aber wir können entscheiden, wohin wir gehen.

Und das mache ich jetzt.

Ronja Smock, 10a

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